OM finCon 2016 in Berlin: Der neue Herr Kaiser ist ein digitaler Robo Sapiens

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Omfincon Recap

Anfang Juni 2016 wurde das Palais in der stilvollen Berliner Kulturbrauerei Schauplatz der Online Marketing Finance Conference von financeAds, einem Affiliatenetzwerk im Finanzsektor. Und die Veranstalter hatten nicht zuviel versprochen: Die Vorträge waren größtenteils spannend, der Austausch mit Publishern und Advertisern polarisierend und interessant.

Obgleich mein Schwerpunkt als Publisher nicht im Finanzbereich liegt, nutzte ich die Gelegenheit, um mit zwei engen Bekannten einen „Bildungsausflug“ nach Berlin zu unternehmen und mich etwas mit der Szene auseinander zu setzen. Eine handvoll Vorträge möchte ich nun inhaltlich wiedergeben:

SEO 2016: Wo geht die Reise hin? Und wie trete ich die Reise an?

Nicolas Sacotte gehört zu den alten Hasen in der SEO-Szene, weshalb uns seine beiden Vorträge besonders interessierten. Gut strukturiert und routiniert brachte er die aktuellen Themen rund um SEO auf den Punkt.

Die Zeiten hätten sich geändert: Expertencontent sei das A und O. Anstelle Zielgruppen anzusteuern, solle man besser in „Bedarfsgruppen“ denken und statt KPI’s wie Unique Users wäre die Customer Journey auch aus SEO-Sicht inzwischen viel relevanter geworden.

Kurzfristige Strategien hätten nicht länger Erfolg, viel mehr müsse man sich auf langfristige SEO-Projekte einstellen, denn Linkbuying würde zunehmend durch Linkearning abgelöst. Die „Contenthistorie mit Besuchern“ wäre ein denkbarer neuer Rankingfaktor, sei es doch viel plausibler, dass ein Inhalt erst nach einer gewissen Zeit aufgegriffen und verlinkt würde – die alten Methoden, in denen man Content publiziere und umgehend mehrere Links dorthin organisiere, seien hinfällig geworden. Links mit relativer Klickwahrscheinlichkeit seien heute viel wertvoller. „Realness“ besteche.

Links seien in hochkompetativen Umfeldern aber immernoch ein wichtiger Rankingfaktor. „Premium Content“ an sich reiche eben doch nicht, erinnerte Sacotte in Hinblick auf einige SEOs, die Links in den letzten Monaten für tot erklärt hatten. Die Rede war auch vom „Content-Shock“, da immer mehr Publisher in Contentproduktion investieren würden und die Verdrängung durch Wettbewerb und aber auch durch Spammer gerade beachtlich sei. Gerade deshalb müsse „jeder Content ein Alleinstellungsmerkmal haben“, den tausendsten Lexikon-Artikel zu einem Thema könne man sich getrost sparen.

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Google-Rankings: „Volatiler und schnelldrehender“

Google werde durch BrainRank, Knowledgegraph, Antwort- und Newsboxen immer rasanter zur „Findemaschine“. Sacotte erinnerte an „Google Dance“, jene Monate, in denen die Google-Rankings wie eingefroren wirkten. Das sei heute definitiv anders: Google Rankings würden zunehmend volatiler und schnelldrehender.

Technisch wären inbesondere die Umstellung auf https per SSL-Zertifikat und der Einsatz von Accelerated Mobile Pages (AMP) in Googles Sinn. Doch im großen Rahmen passiere noch viel mehr: Userverhalten verlagere sich zunehmend in den Longtail. Type-In-Searches würden immer Ranking-relevanter, weshalb Markenbildung eine aktuell so wesentliche Rolle spiele. Und auch die Suchterme selbst würden sich ändern, weshalb Publisher auch Jugendsprache und konkrete Fragenstellungen berücksichtigen sollten. Das Phänomen „Second Screen“ liefere weitere Anlaufstellen für kurzfristiges Keywordtargeting.

Sacotte machte deutlich, dass alternative Suchsysteme zu Google ins Visir genommen werden müssten: „Auch ein Forum hat einen Suchschlitz“. Youtube als zweitgrößte Suchmaschine wäre ebenfalls eine wichtige Plattform und selbst Amazon diene vielen als Suchmaschine. Am Beispiel der Suchphrase „Ich habe Hunger“ zeigte Sacotte eindrucksvoll, wie nutzerunfreundlich Treffer in Google heute mitunter sein können, wohingegen Software wie Siri den Nutzer viel sinnvoller bediene.

„Gier frisst Hirn“: Nachhaltigkeitsgedanke auch im SEO relevant

Im Ausblick gab Sacotte zu bedenken, dass SEO immer weniger skalierbar werde, da Automatisierung von Content und Links nicht mehr zeitgemäß seien. Zudem werde die Contenterstellung zeitintensiver und erfordere immer öfter agile Redaktionen, die auch kurzfristig produzieren könnten.

SEO bleibe weiterhin ein gutes Investment in die Zukunft, denn guter Content werde nicht nur gefunden, sondern auch geteilt, beispielsweise von Journalisten. Dabei sei eine Format-Diversifikation hin zu innovativen Formaten zu beobachten: Von Podcasts, über Videos bis hin zu Offlineevents, bei denen gezielt Presse eingeladen werde. Man solle „Daten nutzen, die sonst keiner hat“, um eigene Forschungen anzustoßen und Studien zu veröffentlichen. Dann sei vorallem Geduld essentiell, denn zwischen Aktion und Reaktionen verstreiche mitunter viel Zeit.

In einer Anekdote schilderte der Vortragende Erfahrungen aus einem betreuten Content-Marketing-Projekt, in dessen Verlauf eine Karte mit Domainendungen erstellt und zum Verkauf angeboten wurde. Der Coup lag in kostenfreien Produktvarianten, für all jene, die sich mit einer Berichterstattung revangierten. Zudem wurden Teile der Produkterlöse an eine gemeinnützige Organisation gespendet, was in zusätzlicher PR mündete.

„Mehr Daten ermöglichen den Suchdiensten immer bessere Analysemöglichkeiten“, zudem schreite künstliche Intelligenz in Form von Machine Learning weiter voran. Sacotte schloss mit einer Zukunftsvision, in denen Nutzer gar keine Suchen mehr aktiv formulieren würden: Denn die Technik wisse inzwischen, in welchem Muster man was wann tue.

„Wir haben immer weniger Zeit für immer mehr Inhalte“

Jan Stranghöner nahm diesen Ball in seinem Facebook-Vortrag auf, indem er zu bedenken gab, dass Mikrophone in Smartphones nichts zwangsweise ausgeschaltet seien, würde man sie nicht benutzen. Dann erklärte er, Facebook Ads sei die mächtigste Marktforschungsmaschine, die es aktuell gäbe. Er gab mit einem soliden Präsentationsstil Einblicke in die Möglichkeiten des Zielgruppen-Targeting, in denen es schon Eingrenzungskriterien wie „hat vermutlich eine eigene Wohnung“ gäbe. Audience Insides böten zudem die Möglichkeit, sogenannte „Lookalike Audiences“ zu erstellen, in denen signifikante Ähnlichkeitsmuster bei Zielgruppen strukturiert werden können, um auf Basis bestehender Nutzermerkmale potentielle Neukunden zu erkennen. Inzwischen gäbe es sogar schon einen regen Handel um diese Persönlichkeitsprofile. Und es gab noch einen Tipp an Werbetreibende: Lieber keine Werbung zur Monatsmitte auf mobilen Endgeräten schalten: da sei das Datenvolumen im großen Stil erschöpft.

3000 Euro für ein „Instagram“

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Ulrich Bartholomäus machte als Nächstes deutlich, warum er sich auf Influencer Marketing spezialisiert habe: „89 Prozent aller E-Commerce-Kaufentscheidungen basieren auf Empfehlungen von vertrauten Personen“, zitierte er eine Statista-Erhebung. Tatsächlich betreibe seine Firma addfame eine Art Handel mit Empfehlungen von Prominenten in Social-Media. Eine Software berechne, welchem Prominenten die jeweilige Zielgruppe zugetan wäre. Dann würde auf dessen Profil eine Werbebotschaft eingebunden, für die der Endkunde bezahle. 1500 EUR berechne man dabei beispielsweise für einen Facebook-Beitrag von gewisser Reichweite, 3000 EUR für ein Instagram-Posting.

Ich hatte auf einer anderen Konferenz bereits gehört, dass z. B. der US-amerikanische Rapper Puff Daddy Twitter-Nachrichten „verkaufe“, aber eine derartige Professionalität in Deutschland war mir neu.

„13.000 Werbebotschaften prasseln pro Tag auf den Menschen ein“

Auch Florian Frech betonte: „Influencer-Marketing ist Mitte 2015 so richtig in Deutschland angekommen“ und mit einem Augenzwinkern: „Snapchat ist das Big Brother der neuen Zeit“. Während die Werbung in ihrer ersten Phase eine Aufklärungsfunktion hatte, kam die „Verführung“ hinzu. In der heutigen dritten Phase ginge es vorallem um Vertrauen und Aufmerksamkeit. „13.000 Werbebotschaften prasseln pro Tag auf den Menschen ein“, „Mundprogpaganda war schon immer das höchste Gut der Werbung“. Der Einsatz von Prominenten als vertrauensbildende Maßnahme wäre daher ein beliebtes Mittel heutigen Marketings. Das gelte im Übrigen auch für SEO-Treiber wie Ratgeberformate: Promi XY präsentiert Sehenswürdigkeit XY.

Wie Bartholomäus zuvor zeigte, könne „Influencer-Marketing“ jedoch schnell nach hinten losgehen: Als Bastian Schweinsteiger samt Marken-Kopfhörern in Social Media auftrat, ohne dies als Werbung kenntlich zu machen, folgte eine entsprechende Community- und Pressereaktion.

„In der Nachrichtenindustrie sind Bad News Good News“

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Alexis Eisenhofer sorgte mit seinem Abschlussvortrag für viel Gesprächsstoff: Der Roboter-Journalismus sei auf dem Vormarsch, habe teilweise schon übernommen: So würden viele Pressemeldungen bereits aus vorformatiertem Text und algorithmisch ermittelten Daten bestehen. Doch die bereits in den kritischen TNW Vorträgen geteilten Zukunftstechnologien würden noch viel weitere Kreise ziehen: Auch „Denkarbeiter“ hätten bald ausgedient, Massenarbeitslosigkeit drohe, da künstliche Intelligenz nach dem Moor’schen Gesetz exponentiell wachse und bald viele Bereiche des Lebens dominieren würde. Immer schlauere Algorithmen würden bereits im Scoring-Bereich eingesetzt werden, wo selbst Schwindlei statistisch ermittelt werden könne. Im Aktienmarkt gäbe schon jetzt sogenannte „Blockchan-Fonds“, die menschenlos, dezentral und autonom agieren würden. Auch würde der Großteil der Aktiengeschäfte bereits automatisiert ablaufen, teilweise innerhalb von Nanosekunden und mittels modernster CERN-Datenübertragungstechnologie quer durch den Erdkern.

Der Finanzberater von morgen sei ein „digitaler Robo Sapiens“. Aber der Finanzberater von morgen feiere dafür auch keine Sexparties in der Budapester Gellért-Therme, wie Eisenhofer seinen rhetorisch brillianten Vortrag humorvoll beendete.

Fazit zur OM finCon 2016 in Berlin

Auch wenn hier nur ein Teil der Vorträge Erwähnung finden konnte, ließ sich an diesem Tag nahezu jedem Beitrag etwas abgewinnen. Im abendlichen Gespräch mit vielen Teilnehmern gab es natürlich mal wieder die spannensten Insights. Zum Beispiel, dass überraschend viele Finanzaffiliates ihre freie Zeit mit sozialem Engagement verbringen. Und nicht mit Geld zählen.

Omfincon Recap

Danke an den Veranstalter für die Bildmaterial-Freigabe!

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