TNW Europe 2016 in Amsterdam: „What killed mass media?“

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TheNextWeb 2016Am 26. und 27. Mai wurde die nostalgische Amsterdamer „Westergasfabriek“ samt der umliegenden Parkanlagen Zeuge der „TNW Europe“, einer Technologie- und Zukunftskonferenz rund um digitale Medien. Rund 20.000 internationale Besucher lauschten hier aktuellen Vorträgen rund um Fortschritt und Technologie, Digitalmarketing und Nutzerverhalten, aber auch um Politik, Humanismus, Bioethik und Moral.

Vorab danke an Arne Rosemeyer, der mich erst auf die TNW aufmerksam gemacht und dann auch noch viele schöne Fotos geschossen hat!

The Next Web Eingang

„We have entered the Age Of Entanglement“

Wir wären immer noch eine „Teenage Civilization“, hätten kein Umweltbewusstsein, kümmerten uns kaum um das Schicksal anderer und hätten noch „Many lessons to learn“. Die Technikfuturistin Nell Watson nahm kein Blatt vor den Mund, als sie in ihrem Vortrag über Verantwortung und künstliche Intelligenz die Zukunft skizzierte.

Überlegenheitsgefühle seien die größte Bedrohung für einen nachhaltigen, technologischen Fortschritt. „We think we are smart. But are we smart enough to know how smart even animals are?“, warf sie provokant ins Publikum, nachdem sie anhand verschiedener Fallbeispiele aufzeigte, welche moralischen Prägungen in der Tierwelt existieren.

Künstliche Intelligenz sei jetzt nicht mehr zu stoppen, man solle sich auf ein gemeinsames Leben mit Robotern vorbereiten: „Another creature we share our lives with“. Es sei relevant auch Maschinen Liebe beizubringen, denn „Beloved children take care of their parents“. Watson zeigte sich skeptisch, inwieweit die Menschheit bereit dazu wäre, Schöpfer zu spielen.

„But then I decided not to be an elephant anymore“

Auch der „Künstler“ Thomas Thwaites griff das Tierreich in seinem „Vortrag“ auf: Ihm würden die Umwelteinflüsse in seinem Leben beizeiten zu viel werden, da „kognitiver Faschismus“ in unserer westlichen Welt um sich greife. Weshalb er sich kurzerhand entschied, ein Elefant zu werden. Doch nach seinen ersten Forschungsläufen stellte er fest, wie ausgeprägt Trauer bei Dickhäutern wäre. Er entschied sich daher, eine Ziege zu werden. Mithilfe von eigens orthopädisch anfertigter Ausrüstung und einer Magensonde verbrachte er also einige Tage auf einer Alm. Das ganze Projekt wurde von einem Sponsor finanziert, der sich der vermeintlichen Öffentlichkeitswirkung wohl schon im Vorfeld bewusst war.

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„They don’t care about us. They care about themselves!“

Der Vortrag von Brian Kreuzberger, Gründer von Breakthroughmail, war hingegen um einiges pragmatischer: Wer einen Geschäftskontakt erreichen wolle, bediene sich am besten der „Wasserfalltechnik“. Aus der Vertriebssprache übersetzt bedeutet das: Die gesamte Hierarchie in einem Unternehmen mit E-Mails torpedieren, welche dann allesamt an den richtigen Ansprechpartner weitergeleitet werden, der um eine Antwort dann kaum mehr umhin kommt (da sie auch von intern angeordnet wird). Bei der E-Mail-Korrespondenz sei zudem zu berücksichtigen: „They don’t care about us. They care about themselves!“, weshalb der moderne Vertriebler eher ein Interview führe und Fragen stelle, anstatt selbst zu erzählen. Immerhin gelte es herauszufinden, wo die „Frustration“ des Gesprächspartners liege.

Wörter wie „Authentizität“ vielen gar nicht. Naja, vermutlich brauchen die Vertriebspioniere da noch ein paar Jahre.

„A broken clock is right twice a day!“

Pete Koomen, der Kopf der beliebten A/B-Testing-Software Optimizely, erzählte von einem wichtigen „Oh shit“-Moment in der Geschichte seines Unternehmens. Nämlich als ein Kunde einen A/A-Test durchführte und bemerkte: die Daten sind nicht identisch. Zurückzuführen auf einen statistischen Standardfehler (Hintergrund war der so genannte „T-Test“ zur Signifikanzmessung, der fälschlicherweise solange wiederholt wurde bis das gewünschte Ergebnis eintrat), ging Optimizely sehr offensiv mit dem Problem um, was das Kundenvertrauen sogar stärkte. „Fix the problem LOUDLY“ und „Own your mistakes“, empfahl Koomen. „Everybody has problems. Your customers have to now, that you unterstand your problems“. Abschließend wurden diverse populäre Studien in Hinblick auf statistische Standardfehler auseinander genommen, besonders beliebt: hohe Sterblichkeitsraten bei ohnehin schon sehr alten Versuchsteilnehmern werden auf untersuchte Zusammenhänge bezogen. Auch wissenschaftliche Daten seien demnach kein absolut verlässlicher Garant.

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„Dont panic. Get interested.“

Meghan Keaney Anderson, Vizepräsidentin von Hubspot, nahm sich das Thema SEO vor: „In the early past, Internet had a Front Door. Search Engines opened up new doorways“. Der große Vorteil von SEO gegenüber anderen Disziplinen: „You are getting traffic for older content“. Neuerungen? Mobilegeddon und „App-SEO“ („3,5 billions searches a day“, „60% of online time is on mobile“, „86% of this time is spent in apps“), HTTPS Everywhere, Ladegeschwindigkeit. Questioning Search, Social Search, Voice Search, Conversational Search. Und nicht zu vergessen: Frau Anderson bestellt ihr Katzenfutter jetzt per Sprachsteuerung.

„We don’t miss emails – we just don’t have time to say no“

„How to get a journalists attention?“, fragte der Titel der Podiumsdiskussion mit Journalisten wie Brian Clark, Robert Scoble und Robin Wauters. Es ging um Filterungsprozesse bei der Themenauswahl. Und um Tipps, wie man zur Story wird: „Build a movement – get social proof activated“, denn „publicity is a result of good ideas“. Superlative wären im Übrigen ein absolutes No-Go, die primitive Werberfraktion solle bitte in Rente gehen. „Everything that bores me would bore my readers aswell“, gibt Wauters zu bedenken. Und selbst die von E-Mails bombardierten Journalisten bemerken: Wir lesen jede E-Mail. Wir haben nur keine Zeit, um „Nein“ zu sagen!

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„Facebook helps publishers, but not helps quality journalism“

Blendle-Gründer Alexander Klöpping im Gespräch mit „What Would Google Do“-Author Jeff Jarvis: Irgendwann bemerkte Klöpping, dass ihm Freunde Fotos von Zeitungsartikeln schickten und die Idee für Blende war geboren, denn „It’s important that journalism stays alive“. „Facebook helps publishers, but not helps quality journalism“, befand der Niederländer in Bezug auf die ausufernden Clickbaiting-Methoden vieler Verlage. Größte Chancen lägen auch in User Generated Content. So würden einige US-Verleger bereits neben dem eigentlichen Autor des Artikels auch prominente Kommentatoren aus der Community in der Hauptüberschrift einblenden. Ein partizipativer Ansatz, der auch in Europa noch viel Potential besäße. Auf die Frage eines anwesenden Printjournalisten entgegnete Klöpping nur frech: „I only care about good journalism – in any form or shape“. Eine andere Publikumsfrage: Wird es irgendwann Journalismus-Flatrates wie das Netflix-Modell geben? „Definitely“.

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„If there is anything the world needs – It’s romance!“

Der gebürtige Deutsche Tim Leberecht ließ wenig deutsche Mentalität erkennen: Was immer mehr zunähme wäre eine „Algorithmic Cruelty“, „Where is the magic?“, „We are engineering the romance out of our lives!“. Doch er ging noch weiter: „Business entrepreneuers can be the modern poets“. Durchschnittlich habe jeder Mensch nur einen engen Freund und das wäre auch der Grund, warum es Konferenzen wie diese gäbe. „The opposite of lonelyness is intimacy“. „We need to have meaning in ours lives“, weshalb sich Phänomen wie die Icebucketchallange teilweise erklären ließen. „The more we sacrifice the more we feel“ – ein Dämpfer für vorherrschende Rational-Choice-Theorien und manch‘ einen Wirtschaftswissenschaftler. Das Unberechenbare sei etwas Mystisches: „Keep the mystique – it can help your product“, Der Musikdienst Forgotity spiele beispielsweise jene 4 Millionen Songs, die noch nie abgespielt wurden.

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„Don’t build another goddamn app to find a restaurant!“

Mit Facebook verfolgen wir unbewusst eine „Counter-evolutionary strategy“: Der Fokus liege nur auf uns selbst. Mit kritischen Thesen machte Ethan Zuckerman – Direktor des MIT Center for Civic Media – auf die Entwicklung in Social Media aufmerksam. Am Ende würden eher Ähnlichkeiten verstärkt, als Unterschiede gefördert. Der Mensch suche nach ihm ähnlichen Mitmenschen und so würden auch die Algorithmen von Facebook funktionieren. „It’s simply rebuilds the network of people you know or you will get to know“. Publisher würden daher eine wichtige Rolle einnehmen, als „Brücke“ oder „Bindeglied“ zwischen den Welten fungieren: „If you are a bridge or a connector you are at a high risk of good ideas!“.

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„You think you can say what you want – but somebodies listening“

Mohamed Nanabhay habe den arabischen Frühling in Ägypten hautnah miterlebt. Er erzählte, wie das Regime die Internetverbindungen landesweit gekappt hätte, wie ausländische Hoster mit Kündigung gedroht hätten, als sich davon erfuhren die Opposition zu hosten. Und wie relevante Nachrichten trotzdem jeden erreicht hätten. MIT-Direktor Zuckerman erzählte anknüpfend, wie nach wie vor weltweit kritische Onlinemagazine mit rasant wachsender Reichweite irgendwann ins Printformat gebracht werden, um auch von Parlamentariern gelesen werden zu können – und in kurzer Zeit sämtliche Anzeigekunden aus Sorge vor „politischem Mobbing“ abspringen. Überraschend reaktionär ging die Podiumsdiskussion zu Ende: „All big services are controlled by a group of corporations“, „Google and Facebook make money by surveillance“. Und auch Medienverweigerer seien nicht gefeit vor Überwachung: „You only have to correspond with someone who gets surveilled“. Auf die Frage der Moderatorin nach Handlungsoptionen hatte MIT-Professor Zuckerman direkt eine konkrete Antwort parat: „Encrypt your data! At least we can make life harder for these sons of bitches“.

„The age of mass media is over“

Individualisierung ist der Zeitgeist, unterstreicht Jeff Jarvis. Die größten Institutionen wie Bildung und Politik sollten endlich dies hingehend revolutioniert werden. Und während sich Stämme („Tribes“) zu Gemeinden, Völkern und schließlich supranationalen Gebilden geformt haben, so sei der nächste Entwicklungsschritt wieder der Weg in den Stamm (individuelle Interessengruppen).

„What we have to do, as a disrupted industry, is to go where people are. We have to reinvent news and journalism from the ground up“. Medienschaffende wären nicht länger Mediatoren oder Gatekeeper, sondern „Enabler“. „What killed mass media? It was self-induced“.

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Weitere Zitate aus Vorträgen

Go get your mother, she will never see a fire like this

– Ryan Holiday zitiert Edison, nach einem monströsen Brand in seiner ersten Fabrik. Holiday sprach in seinem Vortrag über Stoizismus und die Kunst, unschönen Situation wohlwollend zu begegnen.

The web is becoming more an more consolidated. Five big worldwide websites get almost 40% of all internet traffic

– Or Offer, Similarweb

Personalization helps to reduce your choices

– Aparna Chennapragada, Google

An HBO-Star has no advantage or a 14-years old highschool child

– Casey Neistat zu Youtube

You think your technology is game-changing? Word and Excel were game-changing!

– David Allen

Technology makes us not happier

– Jason Fried, Basecamp

Mein Fazit zur TWW Amsterdam

Viele große Firmenlenker zeigten sich in ihren Vorträgen überraschend nachdenklich, was sicher dem alternativen Flair der gesamten Veranstaltung, als auch dem Zeitgeist geschuldet ist. Entschleunigung stand im Mittelpunkt vieler Vorträge, in denen es gleichwohl um Produktivität ging. Deutet sich da ein Paradigmenwechsel in der sonst so stark utilitaristisch geprägten Medien- und Techszene an?

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